Gelesen: Tatja Grimm's World
17. November 2008 - 13:31
Vernor Vinge, ehemals Professor für Mathematik und Informatik, ist als Science Fiction Autor eher bekannt für seine in die ferne (?) Zukunft schauenden Werke, in denen die technologische Entwicklung so rasant fortgeschritten ist, dass sie die menschliche Gesellschaft grundlegend verändert hat. Zu seinen ersten Werken gehört Tatja Grimm’s World, eigentlich ein Sammelband verschiedener Kurzgeschichten. Tatja Grimm’s World ist jedoch nicht unbedingt typisch für Vinge. Statt in die ferne Zukunft fühlt man sich in eine Steampunk-Welt versetzt. Eine Steampunk-Welt in der ein Individuum deutlich aus der Menge ihrer Mitmenschen heraussticht.
Tatja ist überdurchschnittlich intelligent und erkennt, dass ihre Welt nicht das ist, was sie zu sein scheint. Etwas zu skrupellos verfolgt sie ihre eigene Ziele und sucht nach dem Beweis für außerirdisches, intelligentes Leben. Sie findet nicht nur ihren Beweis, sondern auch eine Erklärung für die Resourcenarmut ihrer Welt. Am Ende, nach einigen (mehr oder wenigen durchsichtigen) Wendungen, bricht sie schliesslich zu neuen Welten auf.
Vinge hat zurecht seine Karriere als Hochschullehrer gegen die eines Autors eingetauscht. Grimm’s World hat man im Nu verschlungen. Interessant ist, dass bereits in diesem frühen Werk Vinges pro-Markt/Kapitalismus Neigung deutlich wird. Er sich also bereits zu Beginn seiner Autorenkarriere deutlich von den doch recht häufig in der SF anzutreffenden Sozialromantikern, die oft das Ende eines freien Marktsystems thematisieren, unterscheidet.
Gelesen: Statistical Rules of Thumb
16. November 2008 - 12:32
Gerald van Belle, Prof. für Biostatistik, legt mit Statistical Rules of Thumb einen praktischen Ratgeber für die statistische Praxis in bereits der zweiten Auflage vor. Das Buch ist thematisch gegliedert und jede Regel wird nicht nur motiviert sondern auch theoretisch hergeleitet. Van Belle hat einen sehr angenehmen Stil und trotz der eher trockenen Natur des Stoffes ist man verleitet, das kleine Büchlein von Anfang bis Ende zu lesen.
Das Buch ist nicht für den Anfänger, sondern wirklich für den Praktiker gedacht, dessen Handwerk sich hauptsächlich um die Anwendung der statistischen Methoden dreht. Rules of Thumb ist kein Lehrbuch und definitiv nicht die letzte Instanz zu theoretischen Fragen. Es bietet jedoch einen interessanten Überblick über die typischen Fragen, die sich bei der täglichen Anwendung von statistischen Methoden ergibt.
Leider hat das Lektorat an einigen Stellen versagt. Bedauerlich, wenn man bedenkt, dass dies bereits die zweite Auflage ist. Nicht selten sind Sätze unvollständig (Worte fehlen) oder übervollständig (Worte sind zuviel/doppelt). Das Formelwerk ist jedoch korrekt.
Für mich war bezeichnet, dass ich es hier schon wieder mit einem Biostatistiker zu tun habe. Ich als Ökonom mit einem (Ausbildungs-)Schwerpunkt in der Ökonometrie wende mich in meiner Arbeit immer häufiger den Methoden der Biostatistik zu. Nun gut, als Verhaltensökonom sind die sonst typischen Zeitreihenmodelle der Ökonometrie eher unbrauchbar, aber auch die Mikroökonometrie hinkt ein wenige der Biostatistik hinterher.
Gelesen: Sacred Bones
10. November 2008 - 21:17
Ich weiß nicht wirklich, warum ich als immer wieder zu Büchern wie Sacred Bones von Michael Byrnes greife. Nicht selten ärger ich mich dann doch über den Inhalt. Mystic Thriller in populären Literatur, zumindest die mir bisher bekannten, können grob in zwei Richtungen gehen. Die einen entwickeln sich eher in Richtung Esoterik ohne dabei eine Religion spezifisch anzugreifen oder zu verherrlichen, die anderen variieren christliche Motive. Letztere lassen sich dann wiederum in in pro und kontra zum herrschenden Dogma der christlichen Religion einteilen. Sacred Bones gehört in die erste dieser beiden letzten Kategorien. Auch wenn dies zu Beginn des Buches nicht so deutlich ist, wird dies im Laufe des Buches umso deutlicher. Und genau damit hat mich der Autor dann verloren. Sacred Bones ist ein handwerklich gut geschriebener Thriller, dem eine gewisse Realitätsnähe und damit Glaubwürdigkeit nicht abgesprochen werden kann. Andererseits übertreibt es der Autor mit seinem Personen-/Gotteskult und verdirbt damit eine ansonsten gute Geschichte und verliert wieder die Nähe zur Realität.
Ein gläubiger Christ würde sich sicher nicht so sehr an diesem Punkten stören. Vielleicht sollte man für den Rest der Menschen entsprechende Warnhinweise einführen: Statt “explicit lyrics” ein “dogmatic christian content”.
Besucht: Richard Avedon Fotoretrospektive in Berlin, Martin-Gropius-Bau
27. October 2008 - 17:57
Endlich finde ich mal wieder Zeit in eine Kunstausstellung zu gehen, und die Retrospektive von Richard Avedon lockte nicht nur mich, denn es gab gleich dreimal eine kurze Wartezeit: Am Eingang zum Martin Gropius Bau, an der Kasse und schliesslich wieder am Eingang zu den Ausstellungsräumen.
Leider habe ich mir weder die Namen der Kuratoren noch der Verantwortlichen für die Gestaltung der Austellung gemerkt. Wenn die besagten Personen nochmal für eine Ausstellung veranwortlich sind, möchte ich sie lieber meiden.
Ja, Avedons Fotographien sind beeindruckend. Wenigstens einige von ihnen, der Rest ist jedoch mindestens interessant. Den Veranstaltern ist es jedoch gelungen, Avedons Werk ihrer Magie zu berauben. In allen Räumen wurden jeweils alle vier, manchmal sogar mehr, Wände regelrecht zugepflastert. Nicht nur haben die kunstinteressierten Besucher keinen Raum zum Atmen, sie werden von der schieren Masse an Bildern erschlagen. Nur an einer Stelle wäre dies vielleicht noch ein adäquates stilistisches Mittel gewesen, der Wand der amerikanischen Politiker. Ansonsten wurde fast allen Fotos die Möglichkeit genommen auf den Betrachter zu wirken, ihn zu locken. Gerade weil Avedon von einem eher minimalistischen Stil geprägt war, wird durch die Berliner Austellung sein Werk regelrecht geschlachtet. Der zerstörerische Widerspruch zwischen überfüllter Wand, Wänden, und den ruhigen auf das wesentliche, den abgelichteten Menschen, reduzierten Fotos hätte auch einem Kunststudenten im ersten Semester auffallen müssen. Schade drum. Ich kann einen Besuch der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau nicht empfehlen.
Gelesen: Making Money
20. October 2008 - 12:46
Es ist schon eine Weile her, dass ich ein Buch von Pratchett gelesen habe. Ich mag den Humor, den Wortwitz. Ich habe keine Ahnung, warum ich in der Discworldreihe nicht weitergelesen habe. Aber bei dem aktuellen Titel Making Money konnte ich nicht widerstehen.
Zum einen scheint die Zeit für den Titel gerade richtig zu sein, zum anderen habe ich auch eine kleine Vorliebe für den Humor meiner Profession.
Pratchett hat sich gut informiert. Nicht, dass viel Recherche notwendig gewesen wäre. Aber es erfreut einen schon, dass es keine inhaltlichen Patzer in Bezug auf das Geld gibt. So habe ich dann auch an einigen Stellen herzhaft lachen müssen. Vielleicht sollte ich doch wieder mehr Pratchett lesen… zumindest in das Prequel werde ich wohl hineinschauen. In Going Postal tauchen die Protagonisten von Making Money auch auf. Und vielleicht ist es nicht schlecht etwas mehr Hintergrund zu den Figuren zu haben. Pratchett hat ja die Angewohnheit seine Figuren über mehrere Bände hinweg weiterzuentwickeln.
Gelesen: More Sex is Safer Sex
7. October 2008 - 12:09
Steven Landsburg gehört zu den ersten Autoren, die als aktive Wirtschaftswissenschaftler auch für das unbedarfte Publikum schreiben und nicht nur für die Fachkollegen. Mit dem Armchair Economist hat er Anfang der 90er eine Welle an Büchern mit ausgelöst, in der neben Bücher wie Freakonomics auch die aktuellen Werke im Bereich der Verhaltensökonomie ihren Platz gefunden haben.
Landsburg ist kein Verhaltensökonom. Trotz aller Anomalien bleibt festzustellen, dass Anreize in der Tat wirken, das Verhalten beeinflussen. In seinem aktuellen Buch More Sex is Safer Sex werden neben Anreizwirkungen auch andere ökonomische Prinzipien auf allerwelts Situationen angewandt, wie z.B. Opportunitätskosten. Und nicht selten gelangt Landsburg dabei zu überraschenden Schlussfolgerungen, wie man auch schon dem Titel des Buches entnehmen kann.
Das Buch verwendet und erweitert Material, das Landsburg auch für seine Artikel in slate unter der Rubrik Everyday Economics schon veröffentlicht hat. Dies erlaubt es ihm bereits jeweils am Ende eines Kapitels auf verschiedene Einwände einzugehen, die ihm bei der Veröffentlichung des jeweiligen Artikels in Leserbriefen vorgebracht wurden. Und Einwände gibt es. Seine Schlussfolgerungen sind kontrovers, seine daraus abgeleiteten Empfehlungen wirken manchmal abtrus. Nicht immer ist klar, ob er seine Empfehlungen tatsächlich ernst meint oder nur auf ein theoretisches soziales Optimum hinweisen möchte, von dem wir weit entfernt sind, welches wir auch aus verschiedenen Gründen nicht erreichen werden oder wollen.
Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch. Es öffnet die Augen. Andererseits darf man auch als libertär eingestellter Mensch nicht alles wörtlich nehmen. Aber wenn man sich den Argumenten nicht verschliesst, sollte man unabhängig von seiner persönlichen Einstellung auch noch ein wenig beim Lesen lernen.















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