Gelesen: Behavioral Economics and Its Applications

2004 fand in Helsinki eine kleine Konferenz zum aktuellen Stand der Forschung der Behavioral Economics statt. 2007 erschien der in der Folge der Konferenz zusammengestellte Konferenzband mit zum Teil wesentlich aktualisierten Beiträgen.

Der Sammelband gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und einen Ausblick in künftig relevante Forschungfragen thematisch geordnet nach derzeit bereits wichtigen aber noch unterentwickelten Teilgebieten der Behavioral Economics. In seiner inhaltlichen Breite and Aktualität ist der Band durchaus beeindruckend. Einzig fehlt mir eine angemessene kritische Würdigung der Frage nach der Notwendigkeit und Zulässigkeit des "soft paternalism", des staatlichen minimalinvasiven Eingriffs in die individuelle Entscheidungsautonomie, dem Ausnutzen der begrentzen kognitiven Fähigkeiten und der begrenzten Willens- und Selbstbindungskraft des Bürgers, um ihn in die "richtige" Richtung zu lenken. Denn die Frage nach dem "richtigen Entscheidungsverhalten" kann nicht unbedingt eindeutig oder gar abschliessend beantwortet werden.

Trotzdem wird das Buch wohl auf der Pflichtliteraturliste für meine Lehrveranstaltung in Behavioral Economics landen...

Gelesen: The Winner's Curse

Ende der Achtziger schrieb Dick Thaler für das Journal of Economic Perspectives eine ganze Reihe von Artikeln über Paradoxien und Anomalien in der Ökonomie. Diese Artikel sind im The Winner's Curse gesammelt und ein wenig für den gemeinen Leser editiert worden. Erschienen ist die Sammlung Anfang der Neunziger und dürfte damit eines der ersten Behavioral Economics Bücher für die breite Masse sein.

Aufgrund des Charakters einer Artikelsammlung sind die einzelnen Kapitel, obwohl thematisch sortiert, jeweils in sich abgeschlossen. Trotzdem gibt es ein gemeinsames Thema und auch eine aus den Kapiteln resultierende Lehre: Die Theorie ist oft eben nur (normative) Theorie eines optimalen Verhaltens unter bestimmten Bedingungen und nicht die Beschreibung des tatsächlichen menschlichen Verhaltens. Es fehlt uns also (immer noch) an positiver Theorie und an der notwendigen Trennung zwischen den beiden Theorien.

Gut 15 Jahre später, die Situation hat sich zwar schon deutlich gebessert, gilt dies immer noch. Es gibt inzwischen Arbeit(en) an und mit positiver Theorie, das normative Idealbild ist jedoch noch immer zentrale Annahme des Durchschnittsökonomen.

Insgesamt trotz, vielleicht auch schon wegen, des Alters lesenswert.

Gelesen: Cyclops

Band 8 der Dirk Pitt Reihe von Clive Clussler hinterlässt bei mir einen leicht zwiespältigen Eindruck. Der Autor nimmt die Story seines Buches zu ernst. Pitt steht für Abenteuer. Pitt steht für Detektivarbeit in meist historischen Kontexten. Cyclops aber ist eher ein Politthriller in einer der Realität angelehnten fiktiven Welt. Zu nah an der Realität und gleichzeitig zu weit von ihr entfernt. Die Steh-Auf-Mänchen-Charakteristik von Pitt wird etwas überstrapaziert und einer wenig interessanten Nebenfigur wird zu viel Platz eingeräumt.

Das ist Buch ist trotz meiner Kritik immer noch spannend zu lesen und diente mir als angenehmer Ausgleich. Gleichzeitig war ich ein wenig enttäuscht, meine Erwartungen wurden nicht so recht erfüllt.

Gelesen: The Wisdom of Crowds

Zugegeben, ich war recht skeptisch. Die Weisheit der Vielen beginnt als sehr enthusiastisches Plädoyer für die kollektive Intelligenz und den Marktmechnismus. Das Buch ist auch tatsächlich als ein solches Plädoyer zu verstehen. Surowiecki führt hierzu etliche Beispiel an, die belegen, dass die Masse in der Regel besser enthscheidet z.B. als ein einzelner Experte. Er macht an dieser Stelle jedoch nicht Halt. Kritisch wird dargelegt unter welchen Bedingungen die Masse zu besseren Entscheidungen und Vorhersagen kommen kann und was passiert wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind. So gibt es denn auch etliche Gegenbeispiele, die zeigen, wie dumm die Masse auch ist, wenn die institutionellen Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Seine Ausführungen zu politischen Entscheidungsverhalten scheinen mir jedoch noch zu naiv. Gerade hier sind, wie Bryan Caplan in The Myth of the Rational Voter erörtert, einige der notwendigen Bedingungen für weise Entscheidungen der Masse (manchmal) nicht erfüllt.

Insgesamt kann ich das Buch jedoch als positive Leseerfahrung werten. Auch wenn die im Buch angeführten Beispiele alle schon bekannt waren...

Gelesen: Still Life with Crows


Band 4 der Pendergast Reihe von Preston und Child spielt erstmals nicht in New York sondern in einem kleinen Kaff in Kansas, in dem Pendergast seinen "Urlaub" verbringt. Tatsächlich gilt es einen Serienmörder aufzuspüren, der sich nicht in die üblichen Schemata einordnen läßt. Wie bisher ist auch dieser Band spannend geschrieben und liest sich daher recht schnell. Auffällig ist inzwischen, dass, so phantatisch und unnatürlich die untersuchten Straftaten auch sind, sie immer eine normale (natur)wissenschaftliche Begründung / Lösung haben.

Wahlrechtsreform: Keine(r) der Genannten

Nachdem sich nun schon etliche "Experten" zum Thema Wahlrechtsreform geäußert haben möchte ich dies auch einmal tun. Als Staatswissenschaftler darf ich mich wohl auch zu der Gruppe zählen, die eigentlichen wissen sollten, worum es geht.
Zunächst, was sind die Gründe für einen Wunsch nach einer Wahlrechtsreform? Sobald wir festgestellt haben, wo es einen Handlungsbedarf gibt, können wir uns auch auf die Suche nach einer angemessenen Lösung machen.
Aus den Reihen der etablierten, großen Parteien hört man Unzufriedenheit über die Entwickung der poltischen Landschaft in Deutschland, insbesondere der Pluralität in den Parlamenten. In einem de facto 5 Parteiensystem erscheint die Bildung einer stabilen Regierung bedeutend schwerer als in einem 3 Parteiensystem oder einem 4 Parteiensystem mit festen Partnern. Dies ist zweifelslos richtig. Jedoch gehört es nicht zu den charakteristischen Eigenschaften einer gut funktionierenden Demokratie, dass die Bildung einer stabilen Regierung einfach sei, weil jeder seinem ihm angestammten Platz einnimmt. Die Sicherung eines Status Quo kann und darf nicht der Grund für eine Wahlrechtsreform sein, insbesondere dann nicht, wenn sich eine Verschiebung der politischen Einstellung der Bevölkerung abzeichnet. Gleiches war auch schon im Zusammenhang mit der Parteienfinanzierung zu monieren. Auch hier gab es Stimmen aus den großen, entablierten Parteien, die nach einer Erhöhung ihrer staatlichen Zuweisung riefen, da aufgrund schwindener Zustimmung und Unterstützung aus der Bevölkerung weniger Einahmen zu verzeichnen hatten. Besitzstandswahrung der politischen Elite ist nicht Aufgabe einer Demokratie. Die Einführung eines Mehrheitswahlrecht ist also weder eine notwendige Maßnahme noch ist sie ein geeignetes Mittel zur Lösung der Probleme der derzeitigen politischen Willensbildung.
Tatsächlich haben wir mit immer stärkerer Politikverdrossenheit zu kämpfen. Eine Politikverdorssenheit, die sich in immer niedrigeren Wahlbeteiligungen als Zeichen der Resignationen und Wahlerfolgen von extremistischen Parteien als Ausdruck eines Protestes widerspiegelt. Die Politikverdrossenheit begründet sich in den geringen Einfluß der Bevölkerung auf die tatsächlichen politischen Entscheidungen. Nicht selten, so mein Eindruck, werden Entscheidungen getroffen, die in der Bevölkerung keine Mehrheit finden und die auch konträr zu vorherigen Wahlaussagen der gewählten Parteien sind.
Kurzum, das Problem scheint ein Ungleichgewicht der Einflußnahmemöglchkeiten auf die Tagespolitik and tatsächlicher strategischer Richtungsentscheidungen zwischen Bevölkerung und Parteien zu sein. Eine Lösung zur Verringerung der Politikverdorssenheit ist also in einer Stärkung der politischen Einflußnahmemöglichkeit der Bevölkerung zu suchen.
Mein Vorschlag hierzu möchte ich als Minimalinvasiv beschreiben. Statt das System unnötig umzukremplen, schlage ich eine einfache Erweiterung der Wahloptionen bei Personen- und Listenwahlen vor. Eine einfache Änderung, die die Anreize der politischen Akteure jedoch grundlegend ändert und mehr in Einklang mit der Wahlbevölkerung bringt. Ich fordere die Einführung einer Wahloption "Keine(r) der Genannten" (None of the above im Englischen).
Die Konsequenz bei Personenwahlen ist unmittelbar ersichtlich. Gewinnt Keiner der Genannten, so ist die Wahl neu mit der Eröffnung der Kandidatenliste zu starten. Wahlvorschläge der Parteien müssen nun auch ein absolutes Zustimmungskriterium erfüllen, einfach nur das am wenigsten schlechte Angebot zu unterbreiten wird nicht mehr zum Erfolg führen können. Da die Wahlbevölkerung einen erheblich größeren Einfluß auf ihren Vertreter hat, sind ihre Interessen auch stärker durch ihren Vertreter zu vertreten. Allein die Wieder-Nominierung durch die eigene Partei in einem Umfeld von schwächeren Gegenkandidaturen der anderen Parteien garantiert nicht mehr die Wiederwahl. Wer wiedergewählt werden möchte, orientiert sicher besser an den Wünschen seiner Wähler und nicht nur an eine wie auch immer geartete Parteilinie. Allein diese größere Einflußnahme auf das politische Verhalten des eigenen Vertreters sollte die Politikverdrossenheit ein wenig reduzieren können.
Wahrscheinlich stärker wirkt jedoch die Wahloption Keiner der Genannten bei Listenwahlen. Hier gibt es mehrere Ausgestaltungsmöglichkeiten. Ich favorisiere folgende. Jede Stimme für Keiner der Genannten führt zu einer Reduktion der besetzten Sitze in dem zu wählenden Gremium entsprechend der Verteilungsregeln der Sitze für die Listen. Keiner der Genannten wird also wie eine normale Liste behandelt. Sind die Wähler mit den Listen, also den Parteien, unzufrieden, reduziert sich die Anzahl der vergebenen Mandate. Bei Abstimmungen in dem Gremium werden die Sitze für Keiner der Genannten zur Bestimmung der notwendigen Mehrheiten natürlich stets mitgezählt. Um den Konsensdruck auf die Abgeordneten zu erhöhen, sind die Sitze für Keiner der Genannten als ablehnende Stimmen zu zählen. Ein Zählung als Enthaltung ist auch möglich. Dies würde jedoch die Notwendigkeit einer wirklich mehrheitsfähigen Politik untergraben. Da es sich hier wiederum nicht nur um einen Wettbewerb um eine rein relative Position handelt sondern auch ein absolutes Kriterium erfüllt werden muß, gilt auch hier wieder: Die Interessen des Wähler rücken in den Vordergrund. Gleichzeitig sind die Parteien nun an einer absolut hohen Stimmenzahl interessiert und nicht mehr nur an einer relativen Mehrheit der tatsächlichen Wähler. Jede einzelne Partei hat also nun ein Intresse an einer hohen Wahlbeteilung. Dies erhöht in Konsequenz nicht nur die Wahlbeteiligung, es reduziert auch die Anzahl und Größe von Wahlgeschenken an spezifische Subgruppen, deren Einfluß auf die Politik nun gemindert ist.
Aufgrund der Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit des Gremiums sollte man dem Gremium jedoch ein Selbstauflösungrecht zubilligen, so dass eine Neuwahl mit geänderten Listenzusammenstellungen zu einer größeren Aktzeptanz bei den Wählern führen kann. Sollte Keiner der Genannten bei einer Listenwahl tatsächlich die absolute Mehrheit erhalten ist natürlich die Wahl ebenfalls neu mit neuen Wahlvorschlägen zu starten.
Zusammenfassend erwarte ich von der Einführung der Wahloption Keiner der Genannten also eine Stärkung des Wählers bei der politischen Willensbildung, eine Steigerung der Wahlbeteiligung aufgrund des größeren Einflusses, eine Verringerung von Stimmen an extremistische Parteien, da sich nun ein Protest deutlicher als Stimme für Keinen der Genannten artikulieren läßt und als Resultat eine Veringerung der Politikverdrossenheit. Ob sich hierbei ein vier, fünf oder sechs Parteiensystem einstellt ist ungewiss. Sicher ist jedoch, dass der Einfluß der politischen Elite auf das politische Tagesgeschäft zu Gunsten der Wahlbevölkerung sinkt.

Gelesen: The Logic of Life


Der "Undercover Economist" und Wissenschaftsjournalist Tim Harford geht in seinem neuen Buch wieder der Frage nach, ob und wie sich das alltägliche Verhalten der Menschen durch ökonomische Prinzipien erklären läßt. Insbesondere sind hierbei wieder die Anreize der Akteure zentraler Gegenstand der Betrachtung. Tim Harfords angenehmer Schreibstil und die gut recherchierten Themen lassen das Buch zu einer informativen und kurzweiligen Lektüre werden. Obwohl er nicht selbst in der Forschung involviert ist, bezieht er Position und regt so auch zum Mit- und Nachdenken an.

Gelesen: Deep Six


Mit Clive Cussler als "Ausgleichliteratur" habe ich im Dezember 2006 angefangen. Zuerst die aktuellere / spätere Reihe um Kurt Austin. Im letzten Jahr folgte dann die "alte" Reihe um Dirk Pitt. Inzwischen bin ich hier bei Band sieben angekommen. Und obwohl die Bücher natürlich eine ähnliche Struktur aufweisen, ist auch der Band Deep Six spannend und in gewisser Weise (mit Blick auf das Erscheinungsjahr 1984) von der Story innovativ.

Gelesen: The Myth of the Rational Voter

Bryan Caplan versucht zu erklären, warum Demokratien schlechte Politikmassnahmen hervorbringen. Zentral für seine Darstellung ist eine rationale Irrationalität der Wahlbevölkerung, die auch bezüglich ihrer Überzeugung (beliefs) Präferenzen hat. Während für den Ökonomen "Beliefs" der Agenten ein objektives Datum sind, ist dem Psychologen klar, dass zur Aufrechterhaltung eines positiven Selbst-Bildes eine entsprechend der individuellen Vorstellungen verzehrte Wahrnehmung gehört. Sobald man der Idee der "preferences over beliefs" offen gegenüber steht ist es zum Modell des rational Irrationalen nicht mehr weit. Je billiger irrationales Verhalten (aufgrund von "preferences over beliefs", z.B. ideologiebasierte Vorstellungen bezüglich guter Politikmassnahmen, statt wissensbassierte Erkenntnis) ist, desto wahrscheinlicher wird es, solches Verhalten auch zu beobachten. Demokratische Wahlen machen individuelles irrationales Verhalten sehr billig. Wie gross ist denn schon die Wahrscheinlichkeit, dass gerade die eigene Stimme Wahlentscheidend ist? Je geringer diese Wahrscheinlichkeit ist, desto billiger wird es im Erwartungswert falschen Vorstellungen anzuhaften.

Eine durch und durch interessante Arbeit. Die wenigen Annahmen zum verwandten Modell werden durch empirische Daten gestützt. Der Autor kann trotz des eher pessimistischen Untertitels seines Buches auch mit einer positiven Nachricht aufwarten. Auch wenn wir eine besser unterrichtete Wahlbevölkerung für gute Politikentscheidungen benötigen, ist es nicht so schlimm, wie es schlechtestens sein könnte. Das kurze Gedächtnis der Wähler und die Delegation der Verantwortung unpopulärer Massnahmen an untergebene Stellen erlaubt es den Politkern, ungestraft auch sinnvolle aber unpopuläre Politik zu betreiben.

Gelesen: The Cabinet of Curiosities

Wir sind bei Band Drei der Pendergast Reihe von Preston/Child. Ausser Pendergast taucht nur noch der Journalist Smithback aus den beiden früheren Bänden auf. Pendergast rückt so auch stärker in den Mittelpunkt der doch recht fantastischen - im Sinne einer Genrezuordnung - Geschichte, und wird so doch erheblich weiter entwickelt. Meiner Meinung nach ist dieser Band besser/spannender als Reliquary und vielleicht auch als Relic. Einzig das bereits vorher verwandte Schema "Aufdecken des tatsächlichen Bösewichts zum Ende des Bandes mit Überraschungseffekt" stösst ein wenig sauer auf. Ich hoffe, die kommenden Bände sind nicht nach der gleichen Schablone gestrickt.